Offener Brief

Schauspieler Sebastian Blomberg – Statement zum Erhalt von Capitol&Palatin

Haben Sie es nicht auch vermisst, mit Freund*innen Filme gemeinsam im Kino zu erleben und sich anschließend auszutauschen? Wann waren Sie zuletzt im Kino? Wissen Sie noch, welcher Film Sie begeistern konnte? Mehrere Monate waren die Türen der Mainzer Kinos wie in der ganzen Republik geschlossen. Lockdown. Gerade hat das 1933 eröffnete „Capitol“ wieder den Spielbetrieb aufgenommen, da erreicht uns die schlechte Nachricht: Das Partnerkino „Palatin“ in der Hinteren Bleiche 6-8 wird von einer anderen Krise bedroht. Das Gebäude hat einen neuen Eigentümer und die Zukunft der vier Säle ist ungewiss.

Seit 2009 sind die Kinos Capitol und Palatin vereint unter dem Motto „Kino für Mainz“. Die Betreiber haben den Schritt gewagt das damals bereits über ein Jahr stillgelegte „Capitol“ zu übernehmen und mit den seinerzeit noch „City-Kinos“ genannten Sälen in der Hinteren Bleiche zum „Capitol & Palatin“ zu fusionieren. Das Konzept umfasst von Anfang an neben anspruchsvollen Filmen auch Lesungen, Regiegespräche und Konzerte. Autor Heinz Strunk, der gebürtige Mainzer Uwe Boll sowie die (inter)national ausgezeichneten Regisseure Olivier Assayas, Peter Greenaway, Christian Petzold und Volker Schlöndorff waren unter anderem in den Kinos zu Gast. Insbesondere die kleineren Kinosäle im Palatin ermöglichen es, ein vielfältiges Kinoprogramm zu gestalten. Japanische Musicals, philippinische Marathonfilme, Abschlussfilme der Hochschule Mainz. Darüber hinaus programmieren die Kinomacher viele Filme im Originalton – nicht nur englischsprachig. Mandarin, Farsi, Russisch, Spanisch, Französisch, Portugiesisch und viele mehr. Auch die European Outdoor Film Tour, der Science Slam und nicht zuletzt das Mainzer Filmfestival FILMZ finden in den Sälen eine Heimat.

Wir haben allen Grund zur Sorge und fürchten um die Weiterführung der Mainzer Programmkinos. Neben dem Cinestar-Kino, in dem vor allem Blockbuster gespielt werden und dem Stadtkino „CinéMayence“ am Schillerplatz mit einem kleinen, aber wohl kuratierten Programm jenseits des Mainstreams, sind die Mainzer Programmkinos die letzten verbliebenen Spielstätten für Kinofilme geblieben. Erst 2017 wurden die prestigeträchtigen Säle des Residenz & Prinzess für immer geschlossen. Der Grund damals: Eigentümerwechsel der Liegenschaft, schlechte Bausubstanz, Neubau, Wohnungen, Arztpraxen. Für Kino war kein Platz. Der Eigentümer: Fischer&Co.

Eben jene Baufirma wird nun auch in Kürze Eigentümer des Gebäudes, in dem neben dem Palatin auch der Rockclub „Alexander the Great“ Mieter ist. Fischer&Co. stellt allem Anschein nach in Aussicht, dass dem Gebäude das gleiche Schicksal droht wie der Residenz-Passage. Das Schicksal des Mainzer Palatin mit seinen vier Sälen, gerade erst frisch innen renoviert, hängt am seidenen Faden. Und damit nicht genug: Sollte tatsächlich das „Palatin“ über den im April 2022 auslaufenden Pachtvertrag keine Zukunft haben, so wird das angegliederte „Capitol“ mit seiner knapp 90jährigen Geschichte und der in Mainzer Kinos inzwischen einzigartigen, historischen Galerie ebenfalls vor dem Aus stehen. Damit verlöre die Landeshauptstadt von Rheinland Pfalz mit einem Schlag die einzigen Programmkinos, fünf Kinosäle, über 600 Sitzplätze und obendrein das älteste bestehende Kino der Stadt!

Eine Landeshauptstadt ohne Programmkino ist eine kulturelle Bankrotterklärung, erst recht für die selbsternannte „Medienstadt“ Mainz! Auch bei klammen Kassen müssen die Entscheidungsträger*innen nicht nur darüber nachdenken, was sie sich leisten können, sondern auch, was man sich nicht leisten darf. Anders formuliert: Mainz MUSS es sich leisten, Orten wie den Mainzer Programmkinos eine Perspektive zu bieten.

Wir fordern deshalb Fischer&Co und dessen Geschäftsführer Frank Röhr dazu auf, dem „Palatin“-Kino eine planbare Zukunft in Aussicht zu stellen. Wir wenden uns an die Mitglieder des Mainzer Stadtrats, an die Bau- und Kulturdezernentin der Landeshauptstadt Mainz, Marianne Grosse, und an den Oberbürgermeister Michael Ebling, sich klar für den Erhalt der Kinos zu positionieren und die Weichen zu stellen, um den Erhalt zu sichern. 

Bild: Seehuber&Zeiler GbR

Unterzeichner*innen
  • Jan Peschel, Leiter Management und Organisation bei goEast – Festival des mittel- und osteuropäischen Films
  • Volker Schlöndorff, Regisseur
  • Prof. Edgar Reitz, Regisseur
  • Prof. Dr. Marcus Alexander Stiglegger, Filmwissenschaftler
  • Dr. Andreas Rauscher, Filmwissenschaftler
  • Dr. Marc Siegel, Professor für Filmwissenschaft, JGU Mainz
  • Lutz Hofer,  Studiengangsleiter Masterstudiengang Programm- und Redaktionsmanagement, JGU Mainz
  • Urs Spörri, Moderator und Leiter HEIMAT EUROPA Filmfestspiele
  • Tidi von Tiedemann, KONTRASTFILM GmbH & Co. KG
  • Stephan Falk, Drehbuchautor
  • Michael Schwarz, Regisseur, Autor, Produzent
  • Stefan Brand, V.E.B. Freie Brandstiftung im Atelier Brandstift
  • Nanni Erben, Produzentin und Geschäftsführerin MadeFor Film
  • Christoph Hochhäusler, Regisseur, Leitender Dozent Regie an der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin (DFFB), Mitherausgeber der Filmzeitschrift Revolver
  • Leoni Buchner, Leitung FILMZ – Festival des deutschen Kinos
  • Roman Polanski, Leitung FILMZ – Festival des deutschen Kinos
  • Lilli Hövener, Leitung FILMZ – Festival des deutschen Kinos
  • Lukas M. Dominik, Programmer und Kurator bei FILMZ – Festival des deutschen Kinos
  • Nadine Gehm, Projektleitung Film- und Medienforum Rheinland-Pfalz
  • Linda Gasser, Leiterin Arc Filmfestival
  • Anke Sevenich, Schauspielerin
  • Prof. Dr. Gerhard Trabert, Arzt und Sozialarbeiter
  • Andreas Behringer, Mitglied des Mainzer Stadtrats und des Ortsbeirats Altstadt (SPD)
  • Dr. Markus Reinbold, Kulturpolitischer Sprecher der CDU-Stadtratsfraktion
  • Dr. Claudius Moseler, ÖDP-Fraktionsvorsitzender im Stadtrat Mainz, Ortsvorsteher Marienborn
  • Daniela Zaun, Stadträtin Mainz
  • Maurice Conrad, Mainzer Stadtrat, Fridays For Future
  • Dr. Christoph Nuehlen, Produzent
  • Dr. Martin Urschel, Autor, Filmwissenschaftler
  • Memo Jeftic, Autor, Produzent
  • Harald Mühlbeyer, Autor, Verlagsleiter
  • Jonas Engelmann, Jens Neumann, Ingo Rüdiger und Oliver Schmitt, Ventil Verlag
  • Rebecca Wessinghage, Projektmanagerin Stadtentwicklung
  • Kerstin Soederblom, Hochschulpfarrerin ESG Mainz
  • Wolfgang M. Schmidt, Podcaster und YouTuber ›Die Filmanalyse‹
  • Rupert Krömer, Verleger, Publizist
  • Felix Ehlert, Filmwissenschaftler und Videograf
  • Kai Duhn, Film-Editor 
  • Danilo Vogt, Filmemacher & Medienunternehmer
  • Kerstin Krieg, Filmdramaturgin, ehem. Leiterin FILMZ – Festival des deutschen Kinos Mainz 
  • Ann-Christin Eikenbusch, Filmwissenschaftlerin
  • Pfarrer Hendrik Maskus, Altmünsterkirche
  • Alexander Spemann, Tenor am Staatstheater Mainz 
  • Alexander Matzkeit, Kulturjournalist 
  • Nadja Malkewitz, Dramaturgin, Redakteurin
  • Nick Malkewitz, Schauspieler
  • Jonas Minthe, Schauspieler
  • Jendrik Walendy, Filmkurator Filmfest Hamburg
  • Hanna Piepenbring, Pädagogin und Sozialwissenschaftlerin 
  • B. Urschel, OStR
  • Alexander Griesser, Kameramann, Produzent
  • Joachim Kurz, Filmwissenschaftler, Kurator, Herausgeber Kino-Zeit.de
  • Heleen Gerritsen, Festivalleiterin goEast – Festival des mittel- und osteuropäischen Films
  • Dominik Streib, Programmkoordinator goEast – Festival des mittel- und osteuropäischen Films, Cinéphiler
  • Christian Alexius, Filmwissenschaftler 
  • Sarah Beicht, Autorin, Moderatorin und Veranstalterin der Leselampe Mainz
  • Nadine Aldag, Filmpädagogin und Assistenz der Leitung in der Kinothek Asta Nielsen
  • Denis Larisch, Schauspieler
  • Pia Ditscher, Mainzer Cineastin & Mitarbeiterin des NaturVision Filmfestivals Ludwigsburg
  • Ulrike Melsbach, Filmvermittlerin
  • Marie Dudzik, Filmwissenschaftlerin, stellvertretende Leiterin Murnau-Filmtheater Wiesbaden
  • Edith Heller, Dipl. Pädagogin und Fan des Programmkinos
  • Thomas Laufersweiler, Mainzer Filmpodcast SchönerDenken
  • Josephine Diecke, Medienwissenschaftlerin
  • Oliver Heberling, Filmwissenschaftler
  • Carolin Hartmann, Kulturmanagerin und Filmliebhaberin
  • Elena Fischer, Redakteurin, Autorin, Filmwissenschaftlerin 
  • Patrick Binksma, Wirtschaftsingenieur
  • Berenike Obermayer, Ärztin und Kinofan
  • Kerstin Pulm, Coach, Mediatorin 
  • Hermann Pulm, Diplom-Sozialpädagoge 
  • Lennart Pulm, Azubi
  • Monika Schäfers, Architektin
  • Katharina Scheunemann, Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin
  • Juliane Maier-Scheunemann, Mainzerin und Filmliebhaberin
  • Patric Maier, Filmfan
  • Sarina Lacaf, Autorin und Filmvermittlerin
  • Sophie Oldenstein, Dramaturgin
  • Moritz Thielen, Gesang und Gitarre „die Moritze“
  • Moritz Jennerich, Gesang und Akkordeon „die Moritze“
  • Moritz Blaschek, Schlagzeug „die Moritze“
  • Thea Dunn, Sprecher der akademischen Künstlerschaft Preetoria zu Mainz
  • Alexander Betz, Cineast
  • Svenja Lassen, Studentin
  • Marc Pandikow, Vorstand Substanz Der Stadt e.V.
  • Patrick Raetz, Koala hilft!
  • Melissa Knauth, Juristin und Cineastin
  • David Häußer, Musiker und Publizist
  • Duc-Anh Dinh, Filmemacher und Filmliebhaber
  • Lorcan Rogel, Privatier
  • Felix Jung, Mainzer Filmblogger
  • Sabine Rößle 
  • Henning Müller-Rößle
  • Anne Sophie Funk
  • Henrik Angstmann
  • Yasmin Abbas
  • Antoinette Malkewitz
  • Hannelore Feicht
  • Sandra Rösel
  • Barbara Veeh
  • Martin Strub
  • Jan Czmok
  • Vivien Betz
  • Julia Neumann 
  • Laura Domes
  • Franziska Müller
  • Niels Owesen
  • Angela Schmidt
  • Film- und Medienforum Rheinland-Pfalz
  • Die LINKE – Stadtratsfraktion Mainz
  • Campus Mainz e.V.
  • SOL Mainz
  • Die LINKE – Kreisverband Mainz/Mainz-Bingen
  • SPD-Fraktion im Ortsbeirat Altstadt
  • SPD-Ortsverein Mainz-Altstadt
  • Studierendenschaft der Johannes Gutenberg-Universität Mainz K.d.ö.R., Allgemeiner Studierendenausschuss (AStA) 
  • Fachschaftsrat der Filmwissenschaft/Mediendramaturgie der Johannes Gutenberg-Universität Mainz
  • Filmklasse der Kunsthochschule, Mainz
  • Film- und Kinobüro Hessen e.V., Frankfurt
  • SI STAR Filmpreis, Mainz
  • Vorständ*innen des LBSK e.V. – Bar jeder Sicht
  • Substanz der Stadt e.V.
  • Synthro eG
  • nachtschwärmerfilm, Mainz 
  • Spektrumfilm.tv, Mainz
  • Filmlöwin – Das feministische Filmmagazin 
  • Absinto Orkestra, Band
  • Mainz Athletics, Sportverein und mehrfacher deutscher Meister

83 Kommentare

  1. Es gibt das Zitat „Je höher die Kultur, desto reicher die Sprache.“
    Kultur hält die Vielfalt an Menschen zusammen, begleitet sie, formt sie, reflektiert sie. Ich schließe daraus: Wenn das Kultursterben beginnt, beginnt auch das (langsame) Sterben des Menschen – dazu zählen auch Freiheit, Frieden und Liebe.

  2. Ohne Programmkino geht uns die Vielfalt an Filmen verloren. Palatin und Capitol sind wichtig für die Freude aber auch den Anspruch am Film!

  3. Capitol & Atlantis müssen in Mainz unbedingt erhalten bleiben.
    Eine Schließung wäre ein riesiger Verlust in der Kulturlandschaft der Landeshauptstadt und Medienstadt Mainz!
    Nur noch den Einheitsbrei aus Marvel und dt. Komödie im Kommerzkino schauen statt anspruchsvolle Filme im Programmkinos sehen zu können, wäre fatal!
    Bin sogar dafür, Programmkinos als Teil der Kultur explizit zu fördern, wie Theater, Oper, Ballett und Museen!

    1. Förderung dieser Kunstform halte ich auch für den richtigen Schritt, allerdings fallen heute über 90% des Kulturetats an das Staatstheater, da bleibt leider nicht viel übrig für alle anderen Kultureinrichtungen,

  4. Es ist schon sehr traurig wie Kommerz der Kultur den Weg abschneidet. Gerade wird in Frankfurt die Kultur der Programmkinos nach Mainzer Muster gepflegt und belebt-und nun diese Nachricht. Schon in Gonsenheim hat sich Fischer& Co. mit der Vertreibung der bundesweit ausgezeichneten Buchhandlung Nimmerland ein wenig symathisches Image erworben. Wo bleibt die Stadt? Wo bleibt die Kommunalpolitik? Ich hoffe darauf daß Fischer und Co. mit der weitern Kulturvernichtung scheitert.

  5. Ich erwarte hier ein klares Bekenntnis des Oberbürgermeisters und der Kulturdezernentin zum kommunalen Kino. Wir können nicht als Medienstadt und Universitätsstadt mit einem Lehrstuhl für Filmwissenschaft zulassen, dass diese Kinos dem Kommerz zum Opfer fallen.

  6. Als linksjugend [’solid] Mainz untersützen wir den offenen Brief und setzen uns für den Erhalt der Programmkinos ein. Wenn Investoren meinen unsere Stadt aufzukaufen, müssen wir uns wehren. Kultur, Bildung und Wohnraum gehören in öffentliche Hand, ausfinanziert und demokratisch durch die Bevölkerung kontrolliert.

  7. Ein schreckliche Vorstellung, die hoffentlich nicht Wirklichkeit wird: Mainz ohne Programmkinos!
    Seit etwa vier Jahrzehnten genieße ich die Filme im CAPITOL (und nicht ganz so lang im PALATIN) – und dafür war mir kein Weg zu weit (lebte mehrere Jahre im Taunus).
    Zum CAPITOL habe ich eine besondere Verbindung, da ich Ende der 70er-/Anfang der 80er-Jahre (als Student) den jungen, in Sachen „Filmkunst“ unerfahrenen Theaterleiter bei der Programmgestaltung unterstützt habe.

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